Altersgemischter Unterricht in kleinen Schulen im alpinen Raum (Teilprojekt: Schule im Alpinen Raum)

Ref. 9554

  

General description

Period

01.01.2009 - 31.12.2011

Geographical Area

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Additional Geographical Information​

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Abstract

Ausgangssituation: Im ländlich alpinen Raum gibt es aufgrund der geographischen Lage viele kleine und zum Teil sehr kleine Schulen, welche aufgrund der geringen SchülerInnenzahlen altersgemischt geführt werden. In Vorarlberg sind dies immerhin 40% aller Grundschulen. In Graubünden werden ca. 34% der Schulklassen der Primarschulen altersgemischt geführt, im Kanton St. Gallen 23% und im deutschsprachigen Wallis über 40%. Der altersgemischte Unterricht stellt in ländlichen Regionen vor allem eine organisatorische Notwendigkeit dar, um kleine Schulen erhalten zu können. Es besteht hier eine grundsätzlich andere Situation als an (Reform)Schulen, die sich aufgrund pädagogischer Überlegungen bewusst für die Bildung altersgemischter Lerngruppen entscheiden. Projektziel: Im Rahmen des Projekts werden die Chancen und Herausforderungen des altersgemischten Unterrichts, die Organisation sowie die Bedürfnisse in der Ausbildung von Lehrpersonen und der Fort- und Weiterbildung in 25 kleinen Grundschulen in Vorarlberg (Hinterer Bregenzerwald), Graubünden, St. Gallen und im Wallis untersucht. Projektnutzen: Die Beteiligung der Pädagogischen Hochschulen Graubünden, St. Gallen, Vorarlberg und Wallis bietet die Chance, die Entwicklung des altersgemischten Unterrichts in verschiedenen Regionen des Alpenraumes mit unterschiedlichen bildungspolitischen Vorgaben und Zuständigkeiten darzustellen. Unterschiedliche Vorgehensweisen und Lösungsansätze können gegenübergestellt und die Ergebnisse verglichen werden.

Results

Kleine Schulen im ländlichen Raum weisen einige Charakteristika auf, die sie von größeren Schulen unterscheiden. Von den im Projekt beteiligten SchulleiterInnen und Lehrpersonen wird vor allem die „familiäre Atmosphäre“ als das Besondere kleiner Schulen beschrieben. Die kleine Organisationsform kann die Umsetzung von Ideen im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung erleichtern. Gerade für Lehrpersonen mit reformpädagogischen Ideen stellen kleine Schulen ein besonders geeignetes Feld zur Umsetzung einer offeneren und schülerorientierten Lehr- und Lernkultur zur Verfügung. Eine weitere Besonderheit des altersgemischten Unterrichts in kleinen Schulen stellt die zumeist kleine Lerngruppe dar. Aus den Interviews geht deutlich hervor, dass Lehrpersonen erleben: „Hier kann ich Differenzieren, Individualisieren“ bzw. „auf die Interessen der SchülerInnen eingehen.“ Pädagogische Vorteile des altersgemischten Unterrichts - Anerkennung von Heterogenität: Vorzeitiges Einschulen oder Überspringen von Schulstufen ist in altersgemischten Klassen leichter möglich und nicht mit sozialen Einschnitten verbunden. - Durch die altersgemischte Klasse wird die Schulanfangsphase entlastet, da neu hinzukommende Kinder in eine bereits bestehende Gruppe eintreten und eine verlässliche Gruppenkultur vorfinden. - SchülerInnen mit unterschiedlichen sozialen und fachlichen Kompetenzen können zusammen arbeiten und entwickeln durch das in altersgemischten Klassen verwendete Helfersystem Vermittlungsstrategien. - Ältere SchülerInnen zeigen sich gegenüber jüngeren rücksichtsvoll. - Lehrpersonen erleben ihre SchülerInnen als besonders selbständig. In der schriftlichen Befragung der Eltern zeigte sich, dass der Großteil (80%) mit dem Lernerfolg ihrer Kinder im altersgemischten Unterricht zufrieden ist. Die im Projekt beteiligten SchulleiterInnen und Lehrpersonen beschreiben vor allem das gegenseitige Helfen der Kinder als einen zentralen Vorteil altersgemischter Lerngruppen. Sie erleben, dass sich SchülerInnen untereinander sehr gut Aufgaben und Sachverhalte erklären können. Wie ältere und jüngere Kinder miteinander arbeiten und sich gegenseitig helfen, hängt sehr von der Lehr- und Lernkultur in der jeweiligen Lerngruppe ab. In Klassen mit eher offenen und kooperativen Lernformen bestehen andere Möglichkeiten des sich gegenseitig Helfens als in Klassen mit überwiegend lehrerzentrierten Lernformen. Das Helfen im Unterricht umfasst insgesamt ein breites Spektrum: Von der Unterstützung beim Suchen von Lernunterlagen bis zum Erklären einer komplexen Aufgabe. Kinder finden schnell heraus, vom wem sie sich helfen lassen wollen und wer ihnen helfen kann. Lehrpersonen weisen darauf hin, dass es für die älteren SchülerInnen manchmal auch zu viel sein kann, immer in die Rolle der verantwortungsvollen „Großen“ gedrängt zu werden. Aus den Gruppendiskussionen und der Fragebogenerhebung mit den SchülerInnen selbst geht hervor, dass sie gern helfen und sich auch abgrenzen können, um sich ihrer eigenen Arbeit zu widmen. Herausforderungen des altersgemischten Unterrichts - Hoher Arbeits- bzw. Vorbereitungsaufwand: Vor allem JunglehrerInnen, die ihre ersten Dienstjahre in einer sehr kleinen Schule absolvieren, erleben den Arbeitsaufwand als sehr belastend. - Je nach Zusammensetzung der Lerngruppe können sich Lehrpersonen durch die große Heterogenität überfordert fühlen. - Lernschwächere SchülerInnen können zu wenig Unterstützung und Strukturierung erhalten. - Fehlende oder mangelnde Angebote an spezifischer Förderung vor Ort (z.B. Sprachheilförderung) in besonders peripher gelegenen Schulen. - Begrenzte Erfahrungen mit Gleichaltrigen für Freundschaften und als LernpartnerInnen bei besonders kleinen Lerngruppen. Aus dem Datenmaterial geht hervor, dass es sich beim altersgemischten Unterricht um ein komplexes und anspruchsvolles Konzept handelt, das insbesondere für NeueinsteigerInnen eine große Herausforderung darstellt. Organisation des altersgemischten Unterrichts Der altersgemischte Unterricht wird in den kleinen Schulen sehr unterschiedlich organisiert. In vielen Fällen stellt jedoch der „Abteilungsunterricht“ die bevorzugte Organisationsform dar. Die frontale Situation, in der eine altershomogene Lerngruppe mit der Lehrperson arbeitet und die anderen Lerngruppen mit Stillarbeit beschäftigt sind, wird aber immer wieder aufgebrochen und durch kooperativere und altersübergreifend gestaltete Lernsituationen erweitert. Viele Lehrpersonen kleiner Schulen wählen ein gemeinsames Wochen- oder Tagesthema, das die Arbeiten der SchülerInnen der verschiedenen Altersstufen miteinander verbindet. Nach einem gemeinsamen Einstieg arbeiten die SchülerInnen an Aufgaben mit unterschiedlichem Umfang und Schwierigkeitsgrad, oft in Form eines Stationsbetriebs. Dabei werden auch schulstufenübergreifende Angebote bereitgestellt. Eine Variante stellt der „Werkstattunterricht“ dar: Ein größerer Themenbereich wird in Form von Stationen bzw. „Ateliers“ zur selbständigen Bearbeitung angeboten. Das LehrerInnen-Team bereitet den Werkstattunterricht gemeinsam vor und stellt Aufgaben für die SchülerInnen der ersten bis zur vierten Klasse zusammen. Einige Lehrpersonen organisieren ihren altersgemischten Unterricht mit Hilfe von Wochen- bzw. Tagesplänen. Die SchülerInnen bearbeiten die hier aufgelisteten Aufgaben selbständig. Mit den verschiedenen offenen Lernsituationen schaffen sich Lehrperson die notwendigen „Freiräume“, um gezielt mit einer Kleingruppe etwas erarbeiten zu können. Umsetzung in den einzelnen Lernbereichen Die Organisation altersgemischter Lernsituationen fällt Lehrpersonen in manchen Fachbereichen leichter als in anderen. Vielen fällt es leicht, Werken, Bewegung und Sport oder Bildnerische Erziehung altersgemischt zu organisieren, ähnlich verhält es sich mit Sachunterricht bzw. „Mensch und Umwelt“. Im Deutschunterricht werden die Umsetzungsmöglichkeiten des altersgemischten Unterrichts sehr unterschiedlich erlebt: Grammatikunterricht altersgemischt zu organisieren wird als eher schwierig eingestuft, gemeinsames Lesen hingegen wird durchaus praktiziert. Es fällt auf, dass Lehrpersonen und SchulleiterInnen die Organisation des altersgemischten Lernens besonders in Mathematik und im Fremdsprachenunterricht als schwierig erleben. Für die Gestaltung eines zeitgemäßen altersgemischten Unterrichts spielen entsprechende Lernmaterialien eine große Rolle. Der Großteil der SchulleiterInnen und Lehrpersonen zeigte sich mit den in Schulen vorhandenen didaktischen Materialien zufrieden und fühlte sich bei der Anschaffung von der jeweiligen Gemeinde sehr unterstützt. Auch mit den zur Verfügung stehenden Lernräumen zeigten sich die SchulleiterInnen und Lehrpersonen sehr zufrieden. Die meisten kleinen Schulen wurden neu gebaut oder vor kurzem renoviert. Für den Schulbau und den Erhalt von Schulen sind die Gemeinden zuständig. Die Schule wird oft als Aushängeschild der Gemeinde betrachtet. Aus-, Fort- und Weiterbildung Pädagogische Hochschulen stehen vor der Herausforderung, angehende Lehrpersonen im Rahmen der Ausbildung angemessen auf die Arbeit in kleinen Schulen mit altersgemischtem Unterricht vorzubereiten. Eine wichtige Rolle spielen hier Praktika in kleinen Schulen. Sie tragen dazu bei, dass Studierende die Chancen dieser Unterrichtsform bereits während ihrer Ausbildung erfahren und später weniger Berührungsängste mit der Arbeit in kleinen Schulen mit altersgemischtem Unterricht haben. Aus dem Datenmaterial geht deutlich hervor, dass sowohl in Vorarlberg als auch in den drei Schweizer Kantonen ein zusätzlicher Bedarf an Fortbildungsangeboten zum Themenbereich altersgemischter Unterricht besteht. Dies würde für die zum Teil sehr isoliert arbeitenden Lehrpersonen auch wichtige Austauschmöglichkeiten bereitstellen. In Vorarlberg organisiert beispielsweise die ARGE Kleinschule regional stattfindende Angebote der LehrerInnenfort- und Weiterbildung. Diesen kommt im ländlichen Raum eine besondere Bedeutung aufgrund der langen Anfahrtswege zu zentral organisierten Fortbildungen zu. Ein besonderes Problem stellt der Besuch von Fortbildungen für Lehrpersonen von „Ein-LehrerInnen-Schulen“ dar, weil es für sie schwierig ist, eine Vertretung zu organisieren. Die überaus positiven Erfahrungen mit regional organisierten Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen seitens der Lehrpersonen und SchulleiterInnen zeigen, dass hier über Möglichkeiten nachgedacht werden sollte, wie diese stärker ausgebaut werden könnten.