Hintergründe jihadistischer Radikalisierung in der Schweiz - eine explorative Studie mit Empfehlungen für Prävention und Intervention

Ref. 12202

  

General description

Period

1.1.15 - 31.7.15

Geographical Area

-

Additional Geographical Information​

Ganze Schweiz

Abstract

Im Rahmen dieser explorativen Studie wurden verschiedene Zugänge gewählt, um das Phänomen der jihadistischen Radikalisierung und Hinwendungsprozesse von Jugendlichen sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher, gemeinwesenorientierter Ebene zu analysieren. Hierfür wurde eine breite Palette von Akteuren, welche mit dem Phänomen potentiell in Berührung kommen, in Bezug auf ihre Wahrnehmung, Einschätzung, Erfahrungen im Umgang sowie bezüglich ihres Unterstützungsbedarfs befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Akteure in der Regel zwar für den Umgang mit Jugendgewalt gewappnet und untereinander vernetzt sind, dass ihnen aber für dieses spezifische Phänomen das notwendige Hintergrund- und Orientierungswissen bzgl. wirkungsvoller Präventions- und Interventionsstrategien weitgehend fehlt und hier Unterstützungs- und Weiterbildungsbedarf ebenso wie die Nachfrage nach zentralen Anlaufstellen besteht.

Results

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Situation von jihadistisch motivierten Reisenden in Konfliktgebiete (siehe Kapitel 6) in der Schweiz im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern (im Verhältnis zur Landesbevölkerung) eine umfangmässig weniger ausgeprägte Problematik aufweist. Gleichzeitig fehlen jedoch bislang zivilgesellschaftliche Strategien mit gezielten Präventions- und Interventionsmassnahmen sowie für diese Thematik gerüstete Beratungsstellen und Akteure, welche über spezifisches Hintergrundwissen über Hinwendungsprozesse zu jihadistischer Radikalisierung, Knowhow und Erfahrung in der Beratung Betroffener verfügen. Solche spezifischen Massnahmen könnten meist auf den bestehenden Strukturen von öffentlich-institutionellen Fachstellen auf Kantons- und Gemeindeebene aufbauen, welche für Fragen der Gewaltprävention, Jugendarbeit etc. in der Regel gut untereinander vernetzt sind und über professionelle Fachpersonen verfügen. Damit diese öffentlichen Institutionen besser präventiv und intervenierend mit der Thematik der Hinwen-dung zu extremistischen Positionen umgehen könnten, empfehlen wir folgende Stossrichtungen auf den beiden Ebenen der universellen und selektiven Prävention: • Sozialer Bereich/ Familien- und Jugendberatung: Deklariertes und sichtbares Angebot von spezifischer Beratung im Bereich Radikalisierung über die Sozialberatung. Abklärung, ob es sich um effektive Radikalisierung oder lediglich Provokation und andere Bedürfnislagen handelt. Falls die betroffenen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen sich der Beratung und dem gemeinsamen Gespräch im Krisenfall verweigern, kann bei gegebener Dringlichkeit eine Gefährdungsmeldung auf Selbst- respektive Fremdgefährdung in Betracht gezogen und demnach die KESB einbezogen werden. Kooperation mit muslimischen Organisationen für religiöse Begleitung von Jugendlichen. Ebenso bräuchte es auch sozialpädagogisch versierte Mentorinnen und Mentoren (mit interkultureller Kompetenz resp. Sprachkenntnissen), welche Jugendliche begleiten könnten, welche z.B. in Deutschland bei erfahrenen Mentoren instruiert und weitergebildet werden könnten. Die Erfahrungen aus Österreich mit der Sozialnetzkonferenz legen auch bei Massnahmengesprächen an Beratungsstellen oder im Rahmen eines Jugendstrafverfahrens nahe, dass über die Eltern hinaus auch weitere wichtige Bezugspersonen einbezogen werden, welche mit dem Jugendlichen zusammen einen Rahmen vereinbaren, der ihm Halt und Orientierung gibt. • Schule: Allgemeine Prävention durch politische und historische Bildung, Demokratiebefähigung und -diskussion (soll z.B. auch Bezug auf Minarett-Initiative nehmen), muslimischer Religionsunterricht, Sensibilisierungs- und Aufklärungspädagogische Unterrichtseinheiten bzgl. Gewalt, jihadistische Radikalisierung und IS-Propaganda; Aufgreifen, Ansprechen und Diskussion von aktuellen Ereignissen, die in Zusammenhang mit Jihadismus stehen ebenso wie Diskriminierung von Muslimen sowie Austausch über gelungene Projekte fördern durch Plattform; Medienerziehung und Umgang mit Social Media, Aufbau eines Netzwerks mit Experten/innen für Einbezug in den Unterricht und Austausch, Klärung von Gefährdungs- und Radikalisierungspotential einzelner Jugendlichen, ob es sich lediglich um Provokation und andere Bedürfnislagen handelt und dementsprechend Einleitung von Massnahmen in Kooperation mit Schulsozialarbeit, Gewaltprävention, Polizei etc., doch ist beim Meldeverfahren bzgl. möglicher Überreaktionen Vorsicht geboten. • Offene Jugendarbeit/ Streetwork: breite Präventionsarbeit bzgl. Identitätsbildung, Rollenbilder und Sozialisation, Peerbeziehungen, Umgang mit Konflikten und Gewalt, Beziehungsarbeit und Begleitung von Jugendlichen in schwierigen Lebensphasen (z.B. Übergang Schule-berufliche Ausbildung), Plattform mit Projekten zur Wissensgenerierung und für Erfahrungsaustausch, Weiterbildung für Umgang mit religiöser Orientierung, Umgang mit Social Media, Gewaltinszenierungen sowie IS-Propaganda (inkl. Verschwörungstheorien), Rücksprache mit Fachleuten im Umgang mit religiösen Fragen (Liste von versierten und vertrauenswürdigen Experten/innen), Intervision für ‚critical incidents‘. • Beratungsangebote Extremismus/Jugendgewalt: Beratung und Begleitung von betroffenen Eltern und Jugendlichen/jungen Erwachsenen, von Institutionen und Fachpersonen zur Abklärung (wie etwa durch Extremismusfachstelle beider Basel mit langjähriger Erfahrung, welche nun aber 2015 aufgrund von Sparmassnahmen eingestellt wird), ob es sich um effektive Radikalisierung oder lediglich Provokation und andere Bedürfnislagen handelt. Kooperation mit muslimischen Organisationen für religiöse Begleitung von Jugendlichen. • Muslimische Organisationen: Unmittelbare Stellungnahmen bei jihadistischen Ereignissen durch Dachverbände, gezielte kostenlose Weiterbildungsangebote für Imame, Plattformen schaffen für Austausch und Diskussion aktueller Themen sowie innerislamischen Dialog fördern, gezielte Jugendarbeit in Kooperation mit öffentlichen Stellen ebenso wie religionsunabhängige Projekte mit Jugendlichen fördern, berufliche Orientierung bieten, Anlaufstelle für muslimische Jugendliche (auch Neupraktizierende und Konvertiten) schaffen, islamische Wissensvermittlung und Religionsunterricht anbieten, religiöses Praktizieren von Radikalismus unterscheiden und Aufnahme des Themas in der Freitagspredigt und in den Unterricht, individuelle Gespräche, Notfallseelsorge (mit Helpline), Deutsch- respektive Französischkurse anbieten für verschiedene Gruppen (z.B. Frauen), aktiveres Auftreten auf Internet/Blogosphäre, Deradikalisierungsarbeit mit argumentativen und psychologischen Methoden, um junge Menschen in die Gesellschaft zurückzuholen statt sie aus der Moschee auszustossen (braucht Auftrag von öffentlichen Behörden, damit sie nicht einen „Nestbeschmutzereffekt“ riskieren), Vernetzung mit öffentlichen Stellen Bei der Forderung, dass muslimischer Religionsunterricht flächendeckend in die Schule integriert werden soll, geht es auf der einen Seite um eine präventive Wirkung durch mehr Islamkenntnis (vgl. Kaddor 2015), auf der anderen Seite kann ein solches Angebot von säkularisierten Muslimen auch dahingehend kritisiert werden, dass Staat und Religion klar getrennt bleiben sollen und die Verbreitung eines religiös-konservativen Gesellschaftsbildes keinesfalls weitere Verbreitung in westlichen Gesellschaften finden sollte (vgl. hierzu auch Hamed 2014:194). Folglich müsste Religionsbildung zwingend mit Instrumenten des freien kritischen Denkens gekoppelt sein und darf nicht vorgefertigte religiöse Wahrheiten kolportieren. • Réseau/Kompetenzzentrum: Vorhandenes Wissen sammeln, bündeln, vernetzen sowie abrufbar machen: je ein separates Réseau für Westschweiz (inkl. Tessin) und Deutschschweiz, welche sich mind. zweimal jährlich austauschen. Angebot: Beratung, gezielte Weiterbildungsangebote und Forschung (insbesondere Evaluationen von Präventions- und Interventionsprogrammen, Entwicklung von Gegennarrativen) für alle Fachbereiche: Schule, Jugendarbeit, Soziale Arbeit, Strafvollzug sowie auch: Journalisten/innen – Diskussion über Umgang und Dynamiken in der öffentlichen Diskussion sowie Richter/innen, Jugendanwälte/innen, Bewährungshelfer/innen, ebenso für Integrationsfachstellen • Internet (Jugendliche, Teamer, etc.): Sozialarbeit im Internet mit Schaffung von Alternativen, Online-Interventionen mit Gegennarrativen durch engagierte, junge Muslime (Teamer) mit Monitoring und Supervision (wegen psychischer Belastung durch IS-Gräuelbilder), Ausarbeitung von Gegennarrativen z.B. mit ehemaligen jihadistisch motivierten Reisenden in Konfliktgebiete, da diese in der Regel über eine bessere Streetcredibility als staatliche Stellenverfügen. • Interreligiöser Dialog: Diskussionsplattformen auf kantonaler Ebene und Bundesebene wie der frühere Muslim-Dialog, welcher im Nachgang zur Anti-Minarett-Initiative vom November 2009 als Austausch zwischen Bundesbehörden und Muslimen in der Schweiz geführt und gemäss Bericht des Bundesrats vom Mai 2013 abgeschlossen wurde, nachdem die muslimischen Gesprächsteilnehmenden und die drei Bundesstellen Ende 2012 übereingekommen waren, zum ‚Courant normal‘ zurückzukehren d.h. bei Bedarf vor Ort Gespräche weiter zu führen und spezifische Lösungen auf derjenigen Ebene zu suchen, auf welcher allfällige Konflikte auftreten. Die Heterogenität innerhalb der muslimischen Organisationen und Dachverbände macht es für staatliche Akteure und Institutionen nicht einfach, Ansprechpartner zu finden, welche für die Mehrheit der Muslime in der Schweiz sprechen können. Deshalb müssten die Bemühungen für den innermuslimischen Dialog für den gemeinsamen Austausch unterstützt werden. Analog zu www.albinfo.ch könnte eine Plattform für den Austausch zwischen Staat und Muslimen aufgebaut werden. Mehr Verständnis, Toleranz und Akzeptanz für religiöse Praktiken oder auch für konservative Werthaltungen schaffen v.a. auch bei Fachpersonen mit liberaler und säkularisierter Werthaltung. Weiter gilt es auf gesellschaftlicher Ebene die klare Unterscheidung von religiöser Praktik, konservativer Werthaltung und Fundamentalismus sowie Radikalismus zu fördern, ebenso wie Aufklärung und Sensibilisierung bzgl. Islamophobie und Islamfeindlichkeit. Für die indizierte Präventionsebene: • Vielfältige Meldestruktur und zivilgesellschaftliche Anlaufstellen mit Beratung, damit möglichst alle Betroffenen (Angehörige, Lehrpersonen, Jugendliche etc.) an eine Stelle gelangen können, die sie als vertrauenswürdig empfinden, und sich vom Angebot angesprochen fühlen (Helpline und Beratungsstellen über Soziale Dienste, polizeiliche Meldestelle, telefonische Seelsorgetelefon von muslimischen Organisationen etc.) • Kooperation muslimische Organisationen und Jugendschutz/Integrationsfachstelle, um ge-fährdete Jugendliche mit Mentoring zu begleiten und generell die sozialpädagogische Arbeit mit solchen Jugendlichen zu verstärken, damit Jugendliche Gemeinschaftserlebnisse und Dis-kussionen um Sinnfragen auf anderer Ebene erfahren können. • Deradikalisierungsprogramme entwickeln für die Arbeit mit radikalisierten Jugendlichen und Erwachsenen, und Mentoren/innen ausbilden und begleiten (Super- und Intervision), langfristige Resozialisierung von straffälligen Rückkehrern, Bewährungshelfer/innen weiterbilden.